Kryptografie. Notizen eines alten Mannes, der zufällig Charles Mingus hieß


Helmholtz–Hörsaal, TU Ilmenau

Einst voller Energie, rastlos, unberechenbar, jähzornig und zärtlich, alles zugleich, ist er nun zur völligen Bewegungslosigkeit verdammt. Er: ein an der unheilbaren Krankheit ALS erkrankter Musiker namens Charles Mingus, gestrandet in Mexiko, ausgeliefert einer dubiosen Heilerin, deren Künste er abwechselnd bedingungslos vertraut und in Zweifel zieht.
Zwischen Hoffnung und Illusionslosigkeit, sich dem unvermeidlich nahenden Ende widersetzend, dann wieder hingebend: so widersprüchlich, fragmentarisch und sprunghaft erscheinen seine Notizen; Notizen, die allein in seinem Geist formuliert, revidiert und ständig neu kommentiert werden. Bedeutungsspuren verlieren sich in einer realen und imaginierten Vergangenheit, verbinden bis zur Ununterscheidbarkeit; schließlich bis zur Auflösung jeglicher Kohärenz. Konnte die „reale“ Figur Charles Mingus in ihrer fiktiven Autobiographie noch schreiben „Ich bin drei“, zerfällt in „Kryptographie“ auch diese dreifache Wesenheit in zahlreiche kleine (Nicht-)Identitäten. Mit welcher Figur wir es letztlich zu tun haben: wir wissen es nicht. Aber gerade in ihrer Unfassbarkeit kommt sie uns nahe.
2017 führt Michael Rießler im österreichischen Saalfelden erstmals sein ursprünglich als Hörspiel konzipierte Werk „Kryptografie. Notizen eines alten Mannes, der zufällig Charles Mingus heißt“ live auf. Anlässlich des 100. Geburtstages des Bassisten Mingus hat er nun dieses auf einen Text von Harry Lachner basierende Werk überarbeitet und neu eingespielt. Mit dabei: der Schauspieler Stefan Hunstein (u. a., Mitglied der der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und 2019 mit dem Bochumer Theaterpreis ausgezeichnet), der Cellist Johannes Gutfleisch und Sohn Lorenzo Riessler am Schlagzeug.
Er greift dabei – wie schon bei der Uraufführung – nicht auf Motive des historischen Mingus zurück, sondern transformiert dessen energetische Impulse in eine zeitgemäße Form, die Jazz, Funk, Blues und Avantgarde gleichermaßen zueinander in Beziehung setzt. Ein Kontrapunkt also zur sich auflösenden, aufsplitternden Identität dieser fiktiven Figur Mingus, die der Schauspieler Stefan Hunstein kongenial verkörpert.

Stefan Hunstein - actor
Michael Riessler - b-cl
Johannes Gutfleisch - cello
Lorenzo Riessler - dr

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